Evangelisches Krankenhaus Hattingen
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Rauchen ist nach wie vor eine der führenden vermeidbaren Todesursachen weltweit. In Deutschland sterben jährlich über 127.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Seit der Zulassung von Champix (Wirkstoff: Vareniclin) im Jahr 2006 galt das Medikament als Meilenstein in der Nikotinentwöhnung. Doch seit 2021 ist Champix in Deutschland und vielen anderen Ländern nicht mehr verfügbar. Dieser Artikel beleuchtet die Gründe für die Lieferengpässe, legale Bezugsquellen, Alternativen und beantwortet die wichtigsten Fragen für Patienten und Fachpersonal.
Wirkmechanismus: Vareniclin, der Wirkstoff in Champix, bindet an nikotinische Acetylcholinrezeptoren im Gehirn. Es reduziert Entzugssymptome und blockiert die belohnende Wirkung des Rauchens.
Zulassung in Deutschland: Champix wurde 2006 von Pfizer auf den Markt gebracht und zeigte in Studien eine Abstinenzrate von 44% nach 12 Wochen (vs. 18% unter Placebo).
Klinische Bedeutung: Bis 2021 war es eines der am häufigsten verschriebenen Entwöhnungsmedikamente, trotz Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Schlafstörungen.
Nitrosamin-Verunreinigungen: Im Juni 2021 entdeckte Pfizer erhöhte Werte krebserregender Nitrosamine (z. B. N-Nitroso-Vareniclin) in Chargen. Dies führte zum globalen Rückruf.
Produktionseinstellung: Aufgrund komplexer Herstellungsprozesse und regulatorischer Hürden stellte Pfizer die Produktion ein. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) widerrief die Zulassung im Januar 2022.
Folgen für Patienten: Viele Betroffene mussten abrupt auf Alternativen umsteigen, was Rückfallraten erhöhte. Apotheken durften Restbestände nur unter Auflagen abgeben.
Deutschland (historisch): Ein 56-Tabletten-Pack kostete ca. 350 €. Die Krankenkasse übernahm die Kosten teilweise bei ärztlicher Empfehlung.
Türkei: Champix ist dort weiterhin erhältlich, der Preis liegt bei umgerechnet 150–200 € pro Packung.
Risiken des Imports: Die Einfuhr rezeptpflichtiger Medikamente aus Nicht-EU-Ländern ist illegal (§ 73 AMG). Zollbehörden beschlagnahmen regelmäßige Sendungen. Zudem besteht die Gefahr von Fälschungen.
Verschreibungspflicht: Vareniclin fällt unter das Arzneimittelgesetz (AMG) und darf nur mit Rezept abgegeben werden.
Illegale Online-Angebote: Websites oder Amazon-Listing bieten Champix oft ohne Rezept an – hierbei handelt es sich um gefälschte Produkte oder Betrug. Das BfArM warnt vor solchen Quellen, da die Tabletten gesundheitsschädliche Substanzen enthalten können.
Strafrechtliche Konsequenzen: Der Verkauf ohne Rezept kann mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden (§ 95 AMG).
Apotheken: Seit 2022 offiziell nicht mehr lieferbar. Restbestände sind aufgebraucht.
Internationale Online-Apotheken: Einige EU-Länder (z. B. Polen) haben Vareniclin vorrätig, doch der Versand nach Deutschland ist rechtswidrig.
Klinische Studien: Forscher testen derzeit neu formulierte Vareniclin-Präparate ohne Nitrosamine. Patienten können sich bei Universitätskliniken über Teilnahmemöglichkeiten informieren.
Historische Regelungen: Die TK, Barmer und AOK übernahmen bis 2021 die Kosten, wenn der Patient an einem zertifizierten Entwöhnungsprogramm teilnahm.
Aktueller Stand: Da Champix nicht mehr verfügbar ist, erstatten Krankenkassen stattdessen Nikotinersatztherapien (z. B. Patches) oder Bupropion (Zyban). Voraussetzung ist ein ärztliches Attest.
Generika-Status: In der EU sind keine Vareniclin-Generika zugelassen. Pfizer hält das Patent bis 2024, allerdings ist unklar, ob andere Hersteller den Wirkstoff nachproduzieren werden.
Internationale Optionen: In Indien und der Türkei sind Generika wie "Varinex" im Umlauf, deren Qualität jedoch fraglich ist.
Nikotinersatztherapie (NRT):
Pflaster, Kaugummis oder Lutschtabletten (ca. 50–100 €/Monat).
Erfolgsrate: 20–30% nach 6 Monaten.
Bupropion (Zyban):
Wirkt auf Noradrenalin/Dopamin. Nicht für Patienten mit Epilepsie geeignet.
Kosten: 80–120 €/Monat.
E-Zigaretten:
Umstritten, da Langzeitfolgen unklar. Public Health England sieht sie als 95% weniger schädlich als Tabak.
Verhaltenstherapie:
Kombiniert mit Medikamenten steigt die Erfolgsrate auf 35%.
Neue Medikamente:
Cytisin (in Osteuropa genutzt) und Rimonabant (wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen).
Pfizer arbeitet an einer Neuformulierung von Vareniclin, doch ein Marktstart ist vor 2025 unrealistisch. Unterdessen setzen Ärzte auf Kombinationstherapien aus NRT und Apps wie "Smoke Free". Die WHO fordert strengere Tabakwerbeverbote, um Prävention zu stärken.
Trotz der Champix-Krise gibt es effektive Wege, um rauchfrei zu werden. Patienten sollten sich an Hausärzte oder Suchtberatungsstellen wenden, um individuelle Lösungen zu finden. Illegale Online-Käufe bergen massive Gesundheitsrisiken und sind kein Ausweg.
Literatur und Quellen
BfArM (2022): Stellungnahme zu Vareniclin-Lieferengpässen.
WHO Report on the Global Tobacco Epidemic (2023).
Clinical Trials.gov: Studien zu Vareniclin-Reformulierungen.